NLVFD - Am 4. September 2011 hatte ich - nach einer Woche Fortbildung am EMS WORLD EXPO Kongress - die Möglichkeit, eine Dienstmannschaft des North Las Vegas Fire Department (NLVFD) zu begleiten. Waren früher solche Besuche relativ einfach zu organisieren, ist es heute - 10 Jahre nach 9/11 - in manchen Bereichen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich geworden. Seit damals gelten Einrichtungen wie Feuerwehr und Rettungsdienste als potentielle Ziele für Angriffe zur Beschaffung von Uniformen bzw. Fahrzeugen, mit denen man sich relativ leicht Zugang zu den tatsächlichen Zielen verschaffen kann (wer hält schon eine Feuerwehr oder Rettung im Einsatz auf?).



Mehr Info im Internet:

North Las Vegas Fire Department - Station 53
North Las Vegas - Stadt



Station 53 - Auf Vermittlung eines langjährigen Freundes und Insider in der amerikanischen EMS-Szene wurde mir die Station 53 im Norden Las Vegas zugewiesen. Die Station liegt inmitten eines ausgedehnten Wohngebietes mit mäßiger Industrie und sehr nahe der Nellys Air Force Base. Ziel des Besuchs war, die 2004 während meines Managements Praktikums bei Estero FireRescue/Florida gewonnenen Erkenntnisse aufzufrischen bzw. die praktische Umsetzung von Versorgungsstrategien zu vertiefen.



Engine 53 - Zu Beginn einige organisatorische Details: Die Station ist 24/7 mit 6 Paramedics/Firefighter inkl. der Dienstaufsicht im Range eines Captains besetzt. Jede Dienstschicht läuft 48 Stunden mit anschließend 96 Stunden Freizeit. Insgesamt gibt es drei Schichten für die Station 53. In diesen 48 Stunden gibt es neben den Einsätzen auch diverse administrative, organisatorische und fortbildungsrelevante Aufgaben die vom Captain anzuordnen und zu überwachen sind. So stehen neben Wartungsaufgaben an der Ausrüstung auch Trainingseinheiten auf dem Programm.



Frühstück - Der Captain ist auch für die Personaleinteilung auf den zu besetzenden Fahrzeugen verantwortlich. Im Falle der Station 53 sind das eine Ambulanz und ein Feuerwehrauto (Engine). In der Regel sind alle MitarbeiterInnen einer Dienstschicht ausgebildete EMT's (Emergency Medical Technician) und FF (FireFighter). Üblicherweise gibt es nach den ersten 24 Stunden eine Rotation der einzelnen MitarbeiterInnen auf den zugeteilten Fahrzeugen. Als ich nach 30 Minuten Taxifahrt am Zielort eintraf, war der morgendliche Check der Fahrzeuge bereits vorbei und ich kam gerade rechtzeitig zum Morgen-Meeting bzw. gemeinsamen Frühstück. Todd Andrews - der diensthabende Captain in der Dienstschicht - begrüßte mich und stellte mir die einzelnen Teammitglieder vor - auf die ich später noch genauer eingehen möchte. Nachdem ich mich auch kurz vorgestellt hatte, wurde ich herzlich in der Runde aufgenommen. Schon bei diesem gemeinsamen Frühstück fiel mir die gute Stimmung im Team auf. Es wurde gelacht, es wurde gescherzt, es wurden persönliche Erlebnisse ausgetauscht.



Mehr Info im Internet:

Emergency Medical Technician
Firefighter



Fuhrpark - Danach gab es die obligate Dienststellen-Runde. Wo befinden sich die Ausgänge, die Schlafräume, die Zugänge zur Garage, kurze Unterweisung auf den Fahrzeugen, usw. Geplant war eigentlich nur eine 12 Stunden Schicht, doch schon nach den ersten Einsätzen wurde mir das Angebot gemacht, auch die Nacht mit der Crew zu verbringen, was ich gerne annahm.



 Zu den Einsätzen: Wir kochen alle nur mit Wasser! Egal in Europa oder in den USA! Die Anfahrt zum Einsatzort ist bei uns wie auch in Las Vegas mit den gleichen Gefahren und Herausforderungen verbunden. Die einzige Ausnahme ist, dass in North Las Vegas auch die Nebenstraßen meist vierspurig sind und entsprechend Platz bieten. Dennoch ist eine umsichtige und defensive Fahrweise bei den Kollegen erkennbar. Die Einsätze werden ähnlich - wie in Niederösterreich - von einem Dispatch-Center koordiniert und begleitet. Bei diesem Dispatch Center wird auch das bei 144 Notruf Niederösterreich verwendete AMPDS (Advanced Medical Priority Dispatch System) eingesetzt. Im Regelfall werden zu einem Einsatz das Ambulanzfahrzeug - Rescue 53 - und die Engine 53 disponiert. Wobei bedingt durch das Einsatzaufkommen und taktischen Überlegungen auch oft Teams zweier benachbarter Stationen zusammen disponiert werden, d.h. die Ambulanz kommt von der Station 53 und die Engine z.B. von der Station 54. Das hat den einsatztaktischen Vorteil, dass in beiden Stationen nach wie vor ein Team bzw. Fahrzeug für weitere Notfälle vorhanden ist.



Mehr Info im Internet:

AMPDS (Advanced Medical Priority Dispatch System)
144 Notruf Niederösterreich



Patient - Besonders auffallend war für mich die besondere Höflichkeit und Empathie aller MitarbeiterInnen der Station 53 im Umgang mit Patienten, Angehörigen, Krankenhauspersonal und Kollegen. Parallel zu den Fahrzeugen des NLVFD tauchen meist auch private Anbieter am Ort des Geschehens auf. Diese Ambulanzen sind auch mit Paramedics besetzt. Handelt es sich um einen nicht kritischen Transport, so wird der Patient an den privaten Rettungsdienst übergeben - in der Regel aus einsatztaktischen Gründen. Die Entscheidung wer den Transport durchführt, obliegt einzig und allein den MitarbeiterInnen des NLVFD.



Paramedic Room - In den Krankenhäusern gibt es einige Unterschiede gegenüber unseren. Auffallend ist, dass es einen eigenen Sicherheitsdienst gibt. Der Zugang über die Notfallrampe ist mit einem elektronischen Zahlenschloss gesichert. Der aktuelle Code wird dem Rettungsteam per Datenfunk von der Leitstelle übermittelt. In den privaten Krankenhäusern gibt es auch eigene Räumlichkeiten für die Paramedics. Diese dienen für eine kurze Pause, aber auch um die administrativen Dinge zu erledigen. Ausgestattet sind diese Räume mit TV, Internet, Ruhesessel, Kühlschrank mit Gratisgetränken, Gratissnacks, Eistruhe, usw. um den Paramedics den Aufenthalt so bequem wie möglich zu machen.



Zu den Personen:
Vielleicht hatte ich Glück! Und ich habe genau ein Team getroffen, bei dem viele Dinge einfach in Ordnung sind. Das Fachliche, der Teamgeist, die Interessen, … ! Ich wollte der Sache ein wenig auf den Grund gehen und die Kollegen waren so nett mir – zusätzlich zu dem regen Informationsaustausch zwischendurch – auch ein Interview zu geben.



Hier wäscht der Chef persönlich - Todd - Captain, 46 Jahre alt, seit 21 Jahren im EMS tätig, seit 7 Jahren als Captain. Neben seiner Ausbildung zum Paramedic ist er auch FireFighter Engineer (siehe Job Beschreibung). Er hält das Team zusammen, achtet auf die gleichmäßige Arbeitsaufteilung, leitet Einsätze und kümmert sich um den gesamten administrativen und organisatorischen Teil. Auf meine Frage, warum dieses Team etwas Besonderes ist antwortet er sinngemäß:" Die Gemeinsamkeit ist das Um und Auf eines Teams!". Er achtet besonders darauf, dass alle Mahlzeiten miteinander eingenommen werden, auch wenn der eine oder andere mal Diät macht. Gekocht wird gemeinsam, die Dienststelle in Ordnung gehalten wird auch gemeinsam. Auf die Frage, warum er gerade Captain auf Station 53 geworden ist, lächelt er verschmitzt. Station 53 ist eine der wenigen Stationen, wo der Alarm für die Einsätze für jeden Schlafraum einzeln gesteuert werden kann und damit die Nachtruhe - wenn die anderen fahren müssen - nicht gestört wird.



Mehr Info im Internet:

FireFighter - Job Beschreibung



Sie lenkt Big Beauty - Heidi - FireFighter Engineer und Paramedic, 42 Jahre alt. Sie lenkt in meiner Schicht Big Beauty - wie Engine 53 liebevoll von ihr genannt wird. Schon bei meiner Vorstellung (I´m from Austria) habe ich ein belustigtes Lächeln des Teams aufgefangen, konnte es aber nicht zuordnen. Heidi lüftete das Geheimnis sehr rasch: Sie ist mit einem Hubschrauberpiloten aus Bad Vöslau verheiratet. Früher hat sie für die amerikanische Forst Behörde im Bereich Wildland Fires als Helicopter Operations Specialist gearbeitet. Akzeptanzprobleme als Frau in diesem Job kennt sie nicht :.



1.100 Meilen zum Job - Casey - 31 Jahre alt, wohnt in Oregon und kommt mit dem Flugzeug zur Dienstschicht. Rd. 1.100 Meilen legt er dabei in eine Richtung zurück. Das sind umgerechnet fast 1.800 Kilometer! Für uns Europäer unvorstellbar. Er schätzt aber das Leben am Land, in einem kleinen Ort mit wenig Verkehr und mit einer Verbrechensrate nahe Null. Zusammen mit seiner Frau - einer Profi Fotografin - hat er eine Firma gegründet, die individuell gestaltete geflochtene "Rescue Linx" für verschiedene Einsatzbereiche herstellt. Die Armbänder, Tragriemen, Kopfbänder usw. bestehen aus hochwertigen extrem reißfesten Seilen und sind so geflochten, dass sie im Notfall rasch aufgemacht werden können. Casey hat damit eine Marktlücke gefunden. Zuhause und auch zwischen den Einsätzen - wenn nichts zu tun ist - flechtet er diese Dinge. Tipp: Das ist einmal ein etwas anderes Geschenk für Leute im Rettungs- und Feuerwehrdienst. Mehr Info, Beispiele und Kontaktformular gibt es auf www.rescuelinx.com. Achtung: seine Seite ist noch im Aufbau!



Mehr Info im Internet:

Casey's Homepage



420 Meilen zum Job - Ryan - 32 Jahre alt. Verglichen mit Casey hat er einen geradezu kurzen Anfahrtsweg zum Dienst. Bei ihm sind es nur 420 Meilen von zu Hause bis zur Station 53 - umgerechnet fast 700 Kilometer. Aber auch diese Distanz ist für uns Europäer fast unvorstellbar. Die Gründe warum er so weit außerhalb wohnt, sind ähnliche jenen von Casey. Auch er schätzt das ruhige, beschauliche Leben am Lande. Vom Stress und der Hektik des Alltags hat er während seiner Dienstschichten genug.



Das Multitalent - Brisbin - 40 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Brisbin ist ein Künstler im Umgang mit seiner Mimik. Für mich war es ein optisches Abenteuer ihn im Umgang mit Patienten erleben zu dürfen. Seine Mimik unterstrich seine Worte und wirkte beruhigend auf die Patienten und das Umfeld. Ich weiß nicht genau, ob er sich dieser Gabe überhaupt bewusst ist. Brisbin nahm 2010 an der "Tour of Duty" teil, einem Lauf vom Santa Monica Pier im Westen der USA quer durch die USA mit Ziel New York dem Ground Zero. Insgesamt 4.600 Meilen (7.400 Kilometer) galt es in 31 Tagen zurückzulegen.



Mehr Info im Internet:

Tour of Duty



Das stille Wasser - Don - er lenkte in meiner Schicht die Ambulanz. Sein Markenzeichen: das Käppi mit NLVFD (schlicht und unaufdringlich. Ich erlebte Don als eher ruhigen, in sich gekehrten Typ der aber dennoch seinen Platz im Team hat.



THANK YOU! - Thank you very much guys! Thanks for being 24 hours part of „your“ EMS family! It was a great experience!!



 Abschließend möchte ich mich bei Chief Evans vom North Las Vegas Fire Department für die Möglichkeit bedanken, seinen MitarbeiterInnen bei der Arbeit über die Schulter schauen zu dürfen. Die Eindrücke und Ergebnisse der Betrachtungen werde ich in meine nächsten Vorträge im Bereich Rettungsdienst einfließen lassen. Einzelne Unterschiede im einsatztaktischen Vorgehen werde ich versuchen mit verantwortlichen MitarbeiterInnen der einzelnen Rettungsdienste zu diskutieren, ob es bei den eigenen Richtlinien und Vorgaben Verbesserungspotential gibt.